Der Westen vom 30.05.2012 von Stefan Janke
..wie man in bedrohlichen Situationen deutlich „Nein" sagen kann.
Iserlohn. „Eins, zwei, drei, vier . . ." schallt es laut durch den Flur des Heilpädagogischen Zentrums der Arbeiterwohlfahrt am Löbbeckenkopf. Im angrenzenden Sportraum der Tagesstätte stehen die Vorschulkinder in Reih' und Glied und lassen im Rhythmus ihres „Kampfgebrülls" die Fäuste nach vorne schnellen. „So ist es richtig", lobt Marcus Haack die Jungen und Mädchen, die an diesem Morgen an seinem Selbstbehauptungskurs teilnehmen und spielerisch lernen sollen, sich durchzusetzen und mit Konflikten, Gewalt und Aggression richtig umzugehen. Und sie sollen lernen, „Nein" zu sagen und laut zu werden, wenn Gefahr droht.
Einer, der das Nein-Sagen schnell drauf hat ist Onour: „Lass das, ich will das nicht", schreit er Marcus Haack an, der nicht nur mehrere Köpfe größer ist als der Sechsjährige, sondern auch einen Respekt einflößenden Karateanzug trägt und der den Jungen zuvor mit einer Beleidigung in einen Streit verwickeln wollte. „Genau das ist das Ziel", erklärt der angehende Sport- und Sozialwissenschaftler, der gerade sein Referendariat an einer Hagener Gesamtschule absolviert. Die Kinder sollen ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstvertrauen mit solchen Rollenspielen stärken. Dass es dabei stets sehr laut zugeht in dem kleinen Gymnastikraum, ist durchaus gewollt. „Hier sollen sie schreien, um in Gefahrensituationen, wenn sie zum Beispiel von Fremden angesprochen werden, Passanten auf sich aufmerksam zu machen und ihrem Gegenüber mit diesem Überraschungseffekt deutlich machen, dass sie nicht wehrlos sind." Im Spiel bereitet es den Kindern sichtliches Vergnügen, aus voller Kehle zu schreien, und es fällt Marcus Haack nicht immer leicht, die aufgedrehte „Bande" wieder zur Ruhe zu bringen. Und die besonders Eifrigen probieren ihr Durchsetzungsvermögen gleich im Kreis ihrer Freunde aus. Wovon aber nicht jeder so recht begeistert ist und der Trainer seine Schützlinge auch mal in die Schranken weisen muss - da nützt ihnen auch das gerade erlernte Nein-Sagen nichts.
Gut eine Stunde dauert der Kurs, in dem es auch handfest zugeht, wenn der Boxsack ausgepackt und zum darauf einschlagen frei gegeben wird - natürlich verbunden mit einem Kampfschrei. Immer wieder streut Marcus Haack, der seit seinem 15. Lebensjahr Karate betreibt und in seinem Verein viel mit Kindern arbeitet, auch Bewegungsspiele ins Programm ein, um dem enormen Tatendrang - vor allem den der Jungs - ein wenig zu bremsen.
Ute Martens, Leiterin der integrativen Kindertagesstätte, beobachtet die Szenerie und stellt fest, dass Kinder, die sonst eher zurückhaltend und vorsichtig sind, im Selbstbehauptungskurs so richtig aus sich heraus kommen. Und die Mädchen, die zunächst noch schüchtern sind, hauen am Ende ganz ordentlich auf den Sandsack drauf. „Der Kurs gehört mittlerweile zum festen Programmpunkt im Schuljahr, und dank der finanziellen Unterstützung durch unseren Förderkreis, kann er für eine geringe Teilnahmegebühr angeboten werden", sagt die Zentrums-Leiterin.
Nach einer guten Stunde ist der Kurs vorbei. Zum Abschluss wird noch einmal laut gezählt und in die Luft geboxt - dann sinkt der Lärmpegel im Heilpädagogischen Zentrum wieder auf die Normalmarke.